messewahnsinn

Ich hole Herrn R. ab um dann gemeinsam mit ihm Herrn M. samt seiner sehr viel besseren Hälfte einzusammeln. Über die Autobahnen geht es nach Stuttgart auf die Retro Classics – inzwischen Europas größte Oldtimermesse. Schon beim Parkplatzstau graust es mir und ich werde nicht enttäuscht. Das Messegelände platzt aus allen Nähten. Als die Retro Classics vor vielen Jahren zum ersten mal stattfand, war das noch alles ganz gemütlich und überschaubar.

Nun quälen wir uns durch die überfüllten und ohnehin viel zu engen Gässchen. Wer nun denkt dass zwischen diesen Gassen alte Autos stehen, hat weit gefehlt! Mir kommt es so vor dass nur noch Aussteller und Firmen vor Ort sind, die nur mit viel Fantasie artverwandt mit der Oldtimerscene sind. Über allmöglichen Firlefanz kann man sich informieren und im Idealfall kauft man natürlich ganz viel. Besonders faszinierend finde ich den Stand „Reisen mit dem Oldtimer“ – hier kann man Pauschalreisen buchen mit der Empfehlung „Eigenanreise mit seinem Oldtimer“.
Meine Blicke jedoch huschen in der Regel von Auto zu Auto. Das ist dieses Jahr leider auch wenig spannend. Es sind wie immer dieselben hochkarätigen Oldtimer ausgestellt, langweilig.

Noch viel schlimmer aber finde ich, dass gefühlt 50% aller Fahrzeuge 10-15 Jahre alt sind und stets derselben Baureihe entstammen. Vonwegen Oldtimer und vonwegen Vielfalt. Eben weil ich so gerne meckere, möchte ich direkt ein Feedback über das Essen miteinfließen lassen. Das war nämlich an Dreistigkeit kaum zu überbieten. Schlechtes Essen für wahnwitzige Preise. Für mich somit, nun aber wirklich, der letzte Besuch auf „Europas größter Oldtimermesse“. Meine Freikarten landen in Zukunft besser im Altpapier.

bilkyrkogården – lost place mal anders

Nun sind wir in der Nähe von Ryd. Direkt an der Straße 119 befindet sich ein Moorgebiet in welchem seit Jahrezehnten Autos vor sich hinrotten. In den Neunziger Jahren kam der Besitzer der Altwagen ins Altersheim und verstarb einige Zeit später, woraufhin eine Diskussion entstand, was denn mit den Autofriedhöfen – davon gibt es zahlreiche in Schweden – passieren soll. Man entschied sich nach langer Zeit glücklicherweise gegen eine Räumung und so ziehen diese wundervollen Orte bis heute zahlreiche Irre, wie wir es sind, an.

Es gibt zwei Geschichten – zum einen die, dass der Besitzer des Grundstückes schlicht und ergreifend ein Faible für Oldtimer hatte und diese sammelte und zum zweiten die, dass er wohl auch einer der vielen Ersatzteilschmuggler nach Norwegen war, was ich mir persönlich aufgrund der Entfernung eher nicht vorstellen kann. Wie auch immer – heute stehen rund um seine Schrauberkluft hunderte Oldtimer aller Art und gammeln vor sich hin.

Leider blieben im Laufe der Zeit – ich habe schon viele Bilder gesehen – die Wracks nicht unangetastet. Alles, das noch irgendeinen Wert hat wurde gestohlen, ganze Fahrzeuge zerflext und einfach mitgenommen. Sehr schade drum, aber einen solchen Ort kann man halt leider nicht vor Arschlöchern schützen. Empörung macht sich auch bei mir breit, als ich sehe dass die Scheune eingestürzt ist. Davor wurde ein Baum gefällt und er fiel direkt auf die Scheune, davon wird in wenigen Jahren leider auch nichts mehr zu sehen sein.

Trotzdem macht sich natürlich absolute Begeisterung breit, wenn man so durch die Reihen schlendert, Autos identifiziert und sich vom Rost hinreißen lässt. Ich könnte tagelang hier verbringen und spüre auch kaum die eisige Kälte, die sich in meinem ganzen Körper ausbreitet.

teknikens och sjöfartens hus

Im Technikmuseum befinden sich allerlei schwedische Erfindungen, Automobile, eine mechanische Jazzband und sogar ein U-Boot aus dem zweiten Weltkrieg. Das kann man sogar frei erkundschaften und sich durch die engen Gänge quälen. Unfassbar dass hier drinnen irgendwer einen Durchblick hat und noch viel unglaublicher dass der Koloss geschwommen sein muss.

Viele Exponate können entdeckt werden und es darf angefasst und benutzt werden, was das Zeug hält. Der perfekte Spielplatz für uns alternde Kinder. Wir haben viel Spaß und entsprechend spät wird es, bis wir uns sattgesehen haben. Draußen sammeln wir uns, ich genieße die frische Luft und Ruhe des Abends und wir beschließen zu Fuß zurück in die Innenstadt zu gehen um etwas zu Essen.

müde mopeds

Ich muss gerade vor wenigen Sekunden eingeschlafen sein, da scheppert und wackelt mein Zelt. Herr R. macht Weckrunde und ich bin mir absolut sicher, dass ich das nicht überleben werde. Aufgestanden präsentiert sich ein umfangreiches Frühstück und ich vergesse schnell den wenigen Schlaf, snacke ein wenig und kümmere mich dann um eine fixe Katzenwäsche.

Anschließend verabschieden sich die ersten während wir uns auch langsam auf die Socken machen. Im schiffsartigen Volvo 240 von Herrn N. geht es ins nahegelegene „Möchs“ – dort gibt es das „Brünners Motorradmuseum“. Nun auch Vergangenheit – der Besitzer schließt/hat eigentlich schon geschlossen und niemanden der das Museum weiterführt. Vermutlich wird diese kuriose Sammlung an Zweirädern in naher Zukunft in seine Bestandteile zerpflückt und alles einzeln verscherbelt. Wirklich schade drum.

Rund 300 Mopeds von 1920 bis heute stehen hier in Reih und Glied – laut Besitzer überwiegend fahrbereit. Trotz seines rüstigen Alters bewegt er tatsächlich seine Schätze regelmäßig und fährt damit auch in den Urlaub. Die kurze Führung vom Chef persönlich hat er mir sehr gut gefallen und ich wünsche mir für ihn, dass sich doch vielleicht etwas auftut, dass diese einzigartige Sammlung vielleicht erhalten bleibt.

Nach der Zweiradorgie harren wir noch etwas im Schatten aus und ich beginne mich zu verabschieden – denn später soll es in der Heimat noch zum Essen gehen, da nimmt man doch gern den direkten Weg nach Hause!